Museum in historischen Mauern

Hort närrischen Brauchtums aus Wartturm-Ruine entstanden.

Aus Veröffentlichungen von Werner Hill, zusammengestellt und ergänzt
von Günter Hauck Bad aus Dürkheim, Präsident der Vereinigung Badisch Pfälzischer Karnevalvereine e.V. Speyer.

Mit einem dem Umfeld geschickt angepassten Neubau hat das „Haus der Badisch-Pfälzischen Fasnacht“ , das Fasnachtsmuseum an der belebten Wartturm-Kreuzung im Norden der Stadt Speyer, nach erfolgter dritter Ausbaustufe, eine wesentliche Erweiterung erfahren. Sie war notwendig geworden, weil Sammlungen und Ausstellungsstücke, Zeugnisse fasnachtlichen Brauchtums, im denkmalgeschützten Wartturm und seinem dazugehörigen Anbau längst aus den Nähten geplatzt waren.

Hausherr ist die Stiftung „Haus der Badisch-Pfälzischen Fasnacht“ , die die Räumlichkeiten an die „Vereinigung Badisch-Pfälzischer Karnevalvereine“ vermietet hat. Diese Vereinigung ist der zweitgrößte Regionalverband im Bund Deutscher Karneval (BDK) mit derzeit 350 Gesellschaften, Vereinen und Zünften. Auch mehrere Guggemusiken und Tanzsportvereine sind in dieser Gemeinschaft integriert, die derzeit rund 77 000 aktive Fasnachter aus Baden und der Pfalz in ihren Reihen hat. Ihnen steht das Fasnachtsmuseum auch als Dokumentationszentrum zur Verfügung, in dem die Vielzahl ihrer Ehren- und Jahresorden, ihre Programmhefte, Fotos und Dokumente, neuerdings auch Videoaufnahmen gesammelt und archiviert werden. Ein mit modernster Übertragungselektronik ausgestatteter Seminarraum steht außerdem zur Verfügung.

In vier Turmgeschossen einen renovierten Anbau und einen Neubau sind zahlreiche Urkunden, Dokumente und alte Fotografien aus der Geschichte der angeschlossenen Mitglieder aufbewahrt und zu besichtigen. Dazu Liedertexte und Liederbücher, Veranstaltungsprogramme und „Narrenpässe“ wie jene, die beim Carnevalverein Neustadt an der Weinstrasse um die Jahrhundertwende 1900 im Umlauf waren. Zugprogramme aus Speyer (1831), Kaiserslautern (1901), Landau, Eberbach (1862) und Mannheim weisen erste organisierte Fasnachtsumzüge bereits in der ersten Hälfte des Neunzehnten Jahrhunderts nach.

Eine kostbare Originalausgabe der Speyerer „Lehmann´schen Chronica“ (Edition von 1662) belegt das Unwesen der Fasnacht in der alten Reichsstadt bereits für das Jahr 1296.
Die politische Fasnacht in den Tagen der „Märzrevolution“ dokumentiert ein sehr wertvolles Bändchen „Humoristisch-satyrisches Carneval-Almanach“, das aus dem Jahr 1848 stammt.

Diese und andere wertvolle Exponate werden ergänzt durch eine große Sammlung von Karnevalsorden, altehrwürdige Narrenkappen, historische Gardeuniformen sowie fantasiereiche Kostüme für Bühne und Bütt, für Tanzmariechen und Gardisten.

Dazu zählen auch die originalerhaltenen Kostüme von traditionellen Symbolfiguren wie etwa die des „Perkeo“ von Heidelberg, des „Grafen Kuno“ von Bruchsal oder des „Jägers aus Kurpfalz“.

Nicht zu vergessen die originellen Narrenpreise zur höchsten Ehre oder für „wichtige Menschen“ wie etwa den „Pfälzer Krischer“ (Ludwigshafen), den „Goldenen Winzer“ (Bad Dürkheim), den „Philippsburger Trommler“, den „Ettlinger Narrenbrunnen“ oder den „Zwickschbatz“ (Pirmasens), den „Speyerer Till“ und viele andere mehr.

 

Der Neubau

Rund 450 000 Euro waren in der im Oktober 2004 abgeschlossenen dritten Bauphase aufzubringen, um den neuen Erweiterungsbau mit 240 Quadratmetern zusätzlicher Nutzfläche zu finanzieren. Die 1986 gegründete Stiftung „Haus der Badisch-Pfälzischen Fasnacht“, die Vereinigung selbst und dazu ein Förderkreis, für den über 500 Vereine und Einzelmitglieder jährlich festgeschriebene Spenden einzahlen, konnten zusammen mit Zuschüssen des Landes Rheinland-Pfalz und Unterstützung der Stadt Speyer das jahrelang geplante Vorhaben ermöglichen.

Zuletzt musste noch eine „Klinker-Aktion“ die Kosten für nicht vorgesehene Baumaßnahmen, die sich während der Bauzeit ergaben, aufbringen.

Für eine Mindestspende von 77 Euro sind inzwischen (Mai 2005) immerhin fast 420 Spender mit ihrem Namen an einer Klinkerwand im Innenhof für alle Zeiten verewigt.

Die Wand wurde gestaltet von dem Künstler Prof. h.c. Rolf Ortner und unserem Vizepräsidenten Pfalz Norbert Weber.

Zu erwähnen sei noch, dass in die Altbaurenovierung und die Inneneinrichtung weitere 110 000 Euro investiert wurden.

 

Denkmalschutz rettet die Ruine

Als am Ende des zweiten Weltkrieges der Wartturm in das Schussfeld heranrückender amerikanischer Truppen geraten war und einige Panzergranaten sinnlos in seine Nordwestflanke gefeuert wurden, brannte das Innere des Turmes völlig aus.
Es blieb nur eine Ruine stehen, die fast abgerissen worden wäre, hätte nicht die Landesdenkmalpflege und die Stadt Speyer dem letzten Zeugen Speyerer Stadtbefestigung - neben dem Altpörtel – besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Erhebliche Zuschüsse der Denkmalpflege und städtische Mittel waren erforderlich, um den Wartturm in den Jahren 1971 bis 1973 wieder aufzubauen und ihm ein neues Zeltdach aufzusetzen.

Der damalige Präsident der Vereinigung Georg Wilhelm Fleischmann (1907-1974) konnte die Verantwortlichen der Stadt für seinen Plan gewinnen, in dem Wartturm ein Fasnachtsmuseum einzurichten.

Das Land Rheinland-Pfalz und vor allem der damalige Kultusminister und spätere Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel unterstützten wohlwollend das Vorhaben.

 

Es begann vor 30 Jahren

Am 11.11.1975 pünktlich um 11.11 Uhr übergab die Stadt Speyer urkundlich den Wartturm, innen und außen frisch verputzt, mit einer neuen Holztreppe und Raumheizung zur Nutzung hergerichtet, der Vereinigung zur Pacht. Für einen Mietzins von jährlich 111,11 Mark, solange Speyer Sitz der Vereinigung ist, sind die Bedingungen des Mietvertrages. Leider konnte der Initiator Fleischmann der 67jährig im Oktober 1974 plötzlich verstarb, diesen Tag nicht mehr erleben. Umso engagierter machte sein Nachfolger, Dr. Werner Pfützer (Mannheim), das Fasnachtmuseum zu seinem persönlichen Anliegen, eine Aufgabe, die er mit großer Tat- und Willenskraft vorantrieb.

 

Die erste Erweiterung

1987 erwarb die Vereinigung das an den Wartturm angebaute Haus, das auf den Grundmauern der ehemaligen Unterkunft für die wachhabenden Stadtsoldaten steht und später jahrzehntelang als Wohnung benutzt worden war, von den Besitzern (Fa. Holtzmann) als Eigentum, zusammen mit einem gegenüberliegenden Schuppen und dem dazugehörigen Grundstück.
Das Wohnhaus musste von Grund auf saniert und zweckentsprechend umgebaut werden. Der Schuppen, der dem Neubau weichen musste, konnte mit viel Eigenarbeit zu einem kleinen Seminarraum ausgebaut werden. Ein Stück der ehemaligen Mauer, die den Wartturm auf seiner Rückseite schützte, konnte erhalten werden. Auch hier erwarb sich unser heutiger Ehrenpräsident Dr. Werner Pfützer außerordentliche Verdienste, weshalb der Altbau heute den Namen „Dr. Werner Pfützer Haus“ trägt.

Über die dritte Bauphase die unter der Leitung des derzeitigen Präsidenten Günter Hauck stand wurde bereits berichtet.

 

Mittelalterliche Stadtgeschichte

Nirgendwo hätte das Fasnachtsmuseum mit seinen Exponaten und Dokumenten aus längst vergangenen Zeiten närrischen Brauchtums einen geeigneteren Platz finden können als in diesem Turm, der als einer der letzten Zeugen mittelalterlicher Stadtgeschichte erhalten werden konnte. Die „Wormser Warte“ war einst Teil der „Landwehr“ (Feldbefestigung), wie sie befestigte Reichsstädte – neben Speyer beispielsweise Frankfurt, Schwäbisch Hall oder Rothenburg – im 14. und 15. Jahrhundert zum Schutz gegen feindselige Nachbarn, Schnapphähne (= berittene Wegelagerer), räuberisches Gesindel und versprengte Söldnerhaufen errichtet haben. Auch Felddiebe waren vor den im Wartturm Ausschau haltenden Wachsoldaten nicht sicher. Ein mit undurchdringlichen Hecken bepflanzter Wall schützte die Felder und Äcker der Stadtbürger. „Wo die Ausfallstraßen den Landwehr-Wall kreuzten, sperrten Schlagbäume oder Wehren die freie Durchfahrt“ (Klotz, Kleine Stadtgeschichte, 1988).

In Speyer wurden ab 1410 zunächst aus Holz erbaute (Landauer Warte, Berghäuser Warte) und später „steinerne Warten“ errichtet – die letzte 1451 als „Wormser Warte“ an der wichtigen Wegegabelung zum Rhein und zur Haardt. Eine noch erhaltene über dem Torbogen eingemauerte Steinplatte besagt, dass „Anno domini MCCCCLI (1451) ist die Werk gemach(t); zu der Zit waren Burgermeist. Conrad Wißhar un(d) Claus Rinckeberg, Buwemeist. (= Baumeister) Jordan und Hans Kunc“.
Vorher stand hier bereits eine Holzwarte, wie Karl Rudolf Müller („Die Mauern der freien Reichsstadt Speyer“, 1994) nachweist. Vermutlich hat man in ein ursprüngliches Fachwerkgeviert, wie wir es von den früheren Holzwerken kennen, 1451 nur den rechteckigen, aus der Umfassungsmauer hervorspringenden Steinturm eingefügt. Das vierte Geschoss barg eine Wachstube. Hundert Jahre später dürfte dann die noch teilweise erhaltene Umfassungsmauer erneuert worden sein.

In einem Flurplan von 1715 ist der Turm der „Wormser Warte“ noch ohne Dach mit einer flachen Wehrplatte dargestellt. Demnach dürfte das schlichte Zeltdach erst im 18. Jahrhundert aufgesetzt worden sein. 1803 durfte sich der städtische Förster die Warte als Wohnung herrichten. Damals erhielt der Turm auch größere Fenster anstelle der Schießscharten. Später diente der „Wartturm“, wie er in Speyer heute noch genannt wird, als „Chausseehaus“ für die Straßenwärter, bis in die letzten Kriegstage 1945.

 

Zukunftswünsche

Soll der jetzige Zustand des „Wartturmes“ auf ewige Zeiten nur friedlichen Zwecken dienen und Zeugnis geben über seine bewegte Geschichte. Bleibe diese Warte ein Hort des Brauchtums Fasnacht, Karneval und Fasching. Wünschen wir uns, dass sich immer Menschen finden, die das mit viel Idealismus geschaffene Werk erhalten.

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